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Forschungsprojekte

Der Lehrstuhl fokussiert seine Forschung auf die Schnittstelle von internationalen Organisationen und Friedens- und Konfliktforschung. Fünf Schwerpunkte haben sich herausgebildet: (1) Organisationsforschung, bes. inter-organisationelle Beziehungen; (2) Konfliktforschung, bes. Sezessionismus; (3) Versöhnungsforschung und (4) deutsche Außen- und Sicherheitspolitik.

Organisationsforschung:

Die Organisationsforschung ist theoriegeleitet, anknüpfend an den „organizational turn“ in den Internationalen Beziehungen, unter Rekurs auf rationalistische und konstruktivistische Ansätze auch in Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften und Soziologie. Der Fokus liegt, in vergleichender Perspektive, auf internationalen Regierungsorganisationen, wobei sich der Blick über die europäischen Sicherheitsinstitutionen hinaus auf Regionalorganisationen weltweit, die VN-Unterorganisationen und internationale Finanzorganisationen weitet. Inhaltlich legen wir den Schwerpunkt auf Kooperation und Konflikt zwischen Organisationen, bilateral wie im Netzwerk, aber auch etwa auf Informalisierung.

Bisherige Publikationen, v.a. von Prof. Biermann, widmen sich der Theoriebildung, Reviews der Forschungslage, der NATO und ihren Partnerorganisationen aus der Perspektive der Ressourcenabhängigkeit und dem institutionellen Design von Partnerschaften, v.a. der “dual consensus rule” und ihren Folgen. Im Dezember 2016 erschien das „Palgrave Handbook of Inter-organizational Relations in World Affairs“, an dem 38 Forscher aus zwölf  Ländern mitwirken. Die ersten Seiten des Buches können Sie hier einsehen

Das Handbuch, das Prof. Biermann zusammen mit Prof. Joachim Koops (Brüssel) herausgegeben hat, enthält u.a. Beiträge des Lehrstuhlinhabers zur Ressourcenabhängigkeitstheorie (zusammen mit Michael Harsch), zur Rolle internationaler Bürokratien und zur Legitimierung inter-organisationeller Kooperationen, zudem Beiträge unseres Post-Doc André Härtel zur Kooperation des Europarates mit nicht-staatlichen Akteuren, unserer Doktoranden Matthias Schulze und Florian Ries zur sozialen Netzwerktheorie und von Letzterem zu „population ecology“.

Der Forschungsschwerpunkt ist eingebettet in eine enge Zusammenarbeit mit internationalen wie nationalen Partnern, in Jena insbes. die Professuren für Internationale Organisationen und Globalisierung (derzeit vertreten durch Dr. Martin Welz) sowie Europäische Studien (apl. Prof. Olaf Leisse) am Institut für Politikwissenschaft, in den Wirtschaftswissenschaften die Lehrstühle für  Organisation, Führung und Human Ressource Management (Prof. Walgenbach) und Wirtschaftspolitik (Prof. Freytag) sowie an den Rechtswissenschaften die Lehrstühle für Öffentliches Recht, Völkerrecht, Europarecht und Internationales Wirtschaftsrecht (Prof. Ohler) und Europarecht und Völkerrecht (bisher Prof. Ruffert). Mit diesen wie weiteren Professuren weist die FSU Jena eine zukunftsweisende Alleinstellung in der Erforschung internationaler Organisationen auf, die in einem Verbundprojekt gebündelt werden soll.

Derzeit arbeitet Prof. Biermann an einer englischsprachigen Monographie, welche die Beziehungen der EU zu über 100 Partnerorganisationen weltweit analysiert. Im Fokus dieses Buches mit dem Titel „The EU and Its Partner Organizations. Mapping the EU’s Organization-Set“ steht die Genese dieser Partnerschaften von 1952 bis heute. Konkret wird gefragt, wann, wie und warum diese Kooperationen begonnen haben. Das Forschungsdesign kombiniert eine large-N-Studie aller Partnerschaften mit elf Einzelfallstudien. Die Recherche umfasst u.a. mehrere Aufenthalte in den Archiven der EU-Kommission und des Rates in Brüssel sowie im Historischen Archiv der EU am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz.

Friedens- und Konfliktforschung:

Die Friedens- und Konfliktforschung ist seit den 1980er Jahren der Kristallisationspunkt des akademischen Interesses von Prof. Biermann. Die meisten der Promotionen sind hier angesiedelt. Nach ursprünglicher Beschäftigung mit Fragen der Rüstungskontrolle verschob sich der Schwerpunkt zunächst während der Habilitation auf innerstaatliche, bes. ethnische Konflikte und Krisenprävention, mit regionalem Fokus auf den Balkan (das Scheitern der internationalen Krisenprävention vor Kriegsausbruch im Kosovo). Daraus erwuchsen zahlreiche Publikationen zur deutschen Konfliktbewältigung auf dem Balkan, zum Stabilitätspakt für Südosteuropa, zum Kosovo-Konflikt, zur NATO- und EU-Erweiterung, zum internationalen Tribunal in Den Haag und zum Zerfall Jugoslawiens. Die Mitwirkung am DFG-Graduiertenkolleg “Kulturelle Orientierungen und Soziale Strukturen in Südosteuropa” (2010-2016) ordnet sich hier ein.

Aus diesem Forschungsinteresse erwuchsen in den letzten Jahren neue Schwerpunkte. Zum einen eine intensive Befassung mit Instrumenten der Konfliktbearbeitung,  insbes. Prävention, Mediation, Peacebuilding sowie humanitärer Intervention und Schutzverantwortung (so etwa Legitimitätsprobleme humanitärer Intervention. Kontinuitätslinien zwischen Kosovo und Libyen). Dabei gewinnen zunehmend friedensethische Fragen Gewicht, inklusive der Erforschung von Versöhnungsprozessen in Nachkriegsgesellschaften (s.u.), in Kooperation mit dem Jena Center for Reconciliation Studies (Prof. Leiner) und der Evangelischen Akademie Thüringen (Prof. Haspel); dies spiegelt sich auch in gemeinsamen Konferenzen wider (“Wie wirksam ist Krisenprävention?” und Sommerschule Societies in Transition).

Zum anderen fokussiert die Forschung im Bereich Konfliktanalyse zunehmend auf ethnisch motivierte Sezessionskonflikte. Ausgehend von den Balkankonflikten (Coercive Europeanization and Secessionism, Irredentism and EU Enlargement in the Western Balkans) weitete sich der Blick über den Kaukasus zu einer global vergleichenden Perspektive, wobei das Interesse zum einen der Erstellung eines Datensatzes zu Sezessionskonflikten weltweit seit 1945 gilt, zum anderen der Normenkontestation im Spannungsfeld von territorialer Integrität, Souveränität und Selbstbestimmung, wie sie sich etwa im Ringen um Legitimität von Unabhängigkeitsreferenden widerspiegelt. Vier Dissertationen am Lehrstuhl befassen sich mit Sezession: mit der internationalen Einbettung von De-Facto-Staaten, mit dem Einfluss internationaler Normen auf die Genese von Rezessionsforderungen, mit dem Irredentismus von Minderheitengruppen (Ivan Laskarin)  und mit dem russisch-ukrainischen Konflikt aus der Perspektive der Kritischen Geopolitik (Roman Labunski). Zwei weitere Arbeiten fokussieren dabei v.a. auf Identitätsfragen: eine Untersuchung des Zypernkonflikts aus der Perspektive konstruktivistischer Nationalismusforschung (Rehrmann), eine andere zu den Möglichkeiten und Grenzen multiethnischer Identität am Fallbeispiel der Stadt Prizren im Kosovo. Die Sezessionsforschung, die schon Thema der Antrittsvorlesung von Prof. Biermann war und seit 2014 eng mit dem Ukraine-Projekt des Lehrstuhls verbunden ist, soll künftig noch stärker ein Forschungsschwerpunkt mit entsprechenden Drittmittelanträgen werden. Dem dienten zuletzt auch mehrere Konferenzen in Kiew.

Versöhnungsforschung:

Die Versöhnungsforschung basiert auf einer engen Kooperation mit dem Jena Center for Reconciliation Studies (Prof. Leiner) und dessen lokalem wie internationalem Netzwerk. Carolina Rehrmann, Promovendin am Lehrstuhl, wird künftig, an beiden Lehrstühlen beschäftigt, eine Brückenfunktion wahrnehmen. Aus dieser Kooperation erwachsen eine einmal im Jahr stattfindende gemeinsame Sommerschule, die Mitwirkung von Prof. Biermann und Frau Rehrmann am DFG-geförderten Graduiertenkolleg des Center sowie die Publikation eines Sammelbandes von Prof. Biermann und Frau Rehrmann zu „Reconciliation in the Balkans and the Caucasus“ mit Fokus auf kollektivem Gedächtnis, Transitional Justice und zivilgesellschaftlichen Bottom-up-Initiativen von Versöhnung.

Deutsche Außenpolitik:

Die Befassung mit deutscher Außenpolitik hat am Lehrstuhl Tradition, basierend auf der Dissertation von Prof. Biermann, die sich mit der Interaktion der sowjetischen und deutschen Außenpolitiken zur Wiedervereinigung befasste. Später kam die Beschäftigung mit dem deutschen Krisenmanagement auf dem Balkan und der parlamentarischen Mitwirkung bei Auslandseinsätzen. Hinzu kommt nun die Dissertation von Sven Morgen, der sich mit Bündnissolidarität auseinandersetzt und nach dem Einfluss von Solidaritätserwägungen in außenpolitischen Entscheidungsprozessen fragt. Sven Morgen beschäftigt sich in seiner Lehre und Forschung mit der Außenpolitik Deutschlands zum Beispiel bei Fragen des Parlamentsvorbehalts. Seit 2016 führt der Lehrstuhl jährlich ein Seminar zu Entscheidungsstrukturen und -verfahren in der deutschen Außenpolitik durch, in dessen Rahmen eine Exkursion zu Bundeskanzleramt, Ministerien, Think-Tanks, Medien, NGOs und sonstigen Akteuren im politischen Berlin stattfindet.

Qualitative Methoden:

„Darüber hinaus befasst sich der Lehrstuhl zunehmend mit qualitativen Methoden und ist maßgeblich an der Reform der Methodenausbildung am Institut für Politikwissenschaft beteiligt. Hierzu gehören unter anderem diskursanalytische Zugänge, Fallstudiendesigns sowie ethnografische Perspektiven, welche auch von Carolina Rehrmann vertreten werden.