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Forschung

Der Lehrstuhl fokussiert seine Forschung auf die Schnittstelle von internationalen Organisationen und Friedens- und Konfliktforschung. Fünf Schwerpunkte haben sich herausgebildet: (1) Organisationsforschung, bes. inter-organisationelle Beziehungen; (2) Konfliktforschung, bes. Sezessionismus; (3) Versöhnungsforschung; (4) deutsche Außen- und Sicherheitspolitik; und (5) Cyber-Security.

Organisationsforschung

Die Organisationsforschung ist theoriegeleitet, anknüpfend an den „organizational turn“ in den Internationalen Beziehungen, unter Rekurs auf rationalistische und konstruktivistische Ansätze auch in Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften und Soziologie. Der Fokus liegt, in vergleichender Perspektive, auf internationalen Regierungsorganisationen, wobei sich der Blick über die europäischen Sicherheitsinstitutionen hinaus auf Regionalorganisationen weltweit, die VN-Unterorganisationen und internationale Finanzorganisationen weitet. Inhaltlich legen wir den Schwerpunkt auf Kooperation und Konflikt zwischen Organisationen, bilateral wie im Netzwerk, aber auch etwa auf Informalisierung.

Bisherige Publikationen, v.a. von Prof. Biermann, widmen sich der TheoriebildungReviews der Forschungslage, der NATO und ihren Partnerorganisationen aus der Perspektive der Ressourcenabhängigkeit und dem institutionellen Design von Partnerschaften, v.a. der “dual consensus rule” und ihren Folgen. Im Erscheinen ist das „Palgrave Handbook of Inter-organizational Relations in World Affairs“, an dem 38 Forscher aus zwölf  Ländern mitwirken.

Outline IOR Handbook
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Das Handbuch, das Prof. Biermann zusammen mit Prof. Joachim Koops (Brüssel) herausgibt, enthält u.a. Beiträge des Lehrstuhlinhabers zur Ressourcenabhängigkeitstheorie (zusammen mit Michael Harsch), zur Rolle internationaler Bürokratien und zur Legitimierung inter-organisationeller Kooperationen, zudem Beiträge unseres Post-Doc André Härtel zur Kooperation des Europarates mit nicht-staatlichen Akteuren, unserer Doktoranden Matthias Schulze und Florian Ries zur sozialen Netzwerktheorie und von Letzterem zu „population ecology“. Derzeit arbeitet Prof. Biermann an einer englischsprachigen Monographie, welche die Beziehungen der EU zu über 30 Partnerorganisationen weltweit analysiert, wobei er nach Motiven und Modalitäten der Genese und Evolution dieser Kooperationen fragt wie nach dem aktuellen institutionellen Design.

Der Forschungsschwerpunkt ist eingebettet in eine enge Zusammenarbeit mit internationalen wie nationalen Partnern, in Jena insbes. die Professuren für Internationale Organisationen und Globalisierung (derzeit vertreten durch Dr. Martin Welz) sowie Europäische Studien (apl. Prof. Olaf Leisse) am Institut für Politikwissenschaft, in den Wirtschaftswissenschaften die Lehrstühle für  Organisation, Führung und Human Ressource Management (Prof. Walgenbach) und Wirtschaftspolitik (Prof. Freytag) sowie an den Rechtswissenschaften die Lehrstühle für Öffentliches Recht, Völkerrecht, Europarecht und Internationales Wirtschaftsrecht (Prof. Ohler) und Europarecht und Völkerrecht (bisher Prof. Ruffert). Mit diesen wie weiteren Professuren weist die FSU Jena eine zukunftsweisende Alleinstellung in der Erforschung internationaler Organisationen auf, die in einem Verbundprojekt gebündelt werden soll.

Friedens- und Konfliktforschung

Die Friedens- und Konfliktforschung ist seit den 1980er Jahren der Kristallisationspunkt des akademischen Interesses von Prof. Biermann. Die meisten der Promotionen sind hier angesiedelt. Nach ursprünglicher Beschäftigung mit Fragen der Rüstungskontrolle verschob sich der Schwerpunkt zunächst während der Habilitation auf innerstaatliche, bes. ethnische Konflikte und Krisenprävention, mit regionalem Fokus auf den Balkan (das Scheitern der internationalen Krisenprävention vor Kriegsausbruch im Kosovo). Daraus erwuchsen zahlreiche Publikationen zur deutschen Konfliktbewältigung auf dem Balkan, zum Stabilitätspakt für Südosteuropa, zum Kosovo-Konflikt, zur NATO- und EU-Erweiterung, zum internationalen Tribunal in Den Haag und zum Zerfall Jugoslawiens. Die Mitwirkung am DFG-Graduiertenkolleg “Kulturelle Orientierungen und Soziale Strukturen in Südosteuropa” (2010-2016) ordnet sich hier ein.

Aus diesem Forschungsinteresse erwuchsen in den letzten Jahren neue Schwerpunkte. Zum einen eine intensive Befassung mit Instrumenten der Konfliktbearbeitung,  insbes. Prävention, Mediation, Peacebuilding sowie humanitärer Intervention und Schutzverantwortung (so etwa Legitimitätsprobleme humanitärer Intervention. Kontinuitätslinien zwischen Kosovo und Libyen). Dabei gewinnen zunehmend friedensethische Fragen Gewicht, inklusive der Erforschung von Versöhnungsprozessen in Nachkriegsgesellschaften (s.u.), in Kooperation mit dem Jena Center for Reconciliation Studies (Prof. Leiner) und der Evangelischen Akademie Thüringen (Prof. Haspel); dies spiegelt sich auch in gemeinsamen Konferenzen wider (“Wie wirksam ist Krisenprävention?” und Sommerschule Societies in Transition).

Zum anderen fokussiert die Forschung im Bereich Konfliktanalyse zunehmend auf ethnisch motivierte Sezessionskonflikte. Ausgehend von den Balkankonflikten (Coercive Europeanization and Secessionism, Irredentism and EU Enlargement in the Western Balkans) weitete sich der Blick über den Kaukasus zu einer global vergleichenden Perspektive, wobei das Interesse zum einen der Erstellung eines Datensatzes zu Sezessionskonflikten weltweit seit 1945 gilt, zum anderen der Normenkontestation im Spannungsfeld von territorialer Integrität, Souveränität und Selbstbestimmung, wie sie sich etwa im Ringen um Legitimität von Unabhängigkeitsreferenden widerspiegelt. Drei Dissertationen am Lehrstuhl befassen sich mit Sezession: mit der internationalen Einbettung von De-Facto-Staaten, mit dem Einfluss internationaler Normen auf die Genese von Rezessionsforderungen und mit dem russisch-ukrainischen Konflikt aus der Perspektive der Kritischen Geopolitik. Zwei weitere Arbeiten fokussieren dabei v.a. auf Identitätsfragen: eine Untersuchung des Zypernkonflikts aus der Perspektive konstruktivistischer Nationalismusforschung (Rehrmann), eine andere zu den Möglichkeiten und Grenzen multiethnischer Identität am Fallbeispiel der Stadt Prizren im Kosovo. Die Sezessionsforschung, die schon Thema der Antrittsvorlesung von Prof. Biermann war und seit 2014 eng mit dem Ukraine-Projekt des Lehrstuhls verbunden ist, soll künftig noch stärker ein Forschungsschwerpunkt mit entsprechenden Drittmittelanträgen werden. Dem dienten zuletzt auch mehrere Konferenzen in Kiew.

Versöhnungsforschung

Die Versöhnungsforschung basiert auf einer engen Kooperation mit dem Jena Center for Reconciliation Studies (Prof. Leiner) und dessen lokalem wie internationalem Netzwerk. Carolina Rehrmann, Promovendin am Lehrstuhl, wird künftig, an beiden Lehrstühlen beschäftigt, eine Brückenfunktion wahrnehmen. Aus dieser Kooperation erwachsen eine einmal im Jahr stattfindende gemeinsame Sommerschule, die Mitwirkung von Prof. Biermann und Frau Rehrmann am DFG-geförderten Graduiertenkolleg des Center sowie die Publikation eines Sammelbandes von Prof. Biermann und Frau Rehrmann zu „Reconciliation in the Balkans and the Caucasus“ mit Fokus auf kollektivem Gedächtnis, Transitional Justice und zivilgesellschaftlichen Bottom-up-Initiativen von Versöhnung.

Deutsche Außenpolitik

Die Befassung mit deutscher Außenpolitik hat am Lehrstuhl Tradition, basierend auf der Dissertation von Prof. Biermann, die sich mit der Interaktion der sowjetischen und deutschen Außenpolitiken zur Wiedervereinigung befasste. Später kam die Beschäftigung mit dem deutschen Krisenmanagement auf dem Balkan und der parlamentarischen Mitwirkung bei Auslandseinsätzen. Hinzu kommt nun die Dissertation von Sven Morgen, der sich mit Bündnissolidarität auseinandersetzt und nach dem Einfluss von Solidaritätserwägungen in außenpolitischen Entscheidungsprozessen fragt. Sven Morgen beschäftigt sich in seiner Lehre und Forschung mit der Außenpolitik Deutschlands zum Beispiel bei Fragen des Parlamentsvorbehalts. Seit 2016 führt der Lehrstuhl jährlich ein Seminar zu Entscheidungsstrukturen und -verfahren in der deutschen Außenpolitik durch, in dessen Rahmen eine Exkursion zu Bundeskanzleramt, Ministerien, Think-Tanks, Medien, NGOs und sonstigen Akteuren im politischen Berlin stattfindet.

Internet und Sicherheitspolitik

Matthias Schulze M.A. beschäftigt sich mit dem Bereich Internet und Sicherheitspolitik aus konstruktivistischer PerspektiveSeine Magisterarbeit analysierte die Versicherheitlichungsstrategien (Securitization) im politischen Diskurs um die Einführung der Vorratsdatenspeicherung 2006-2011 in Deutschland. Die diskursive Konstruktion des Internets, etwa als Bedrohung oder Unsicherheitsraum in verschiedenen Diskursen ist seit dem ein Arbeitsschwertpunkt. Daran anknüpfend befasst sich das Dissertationsprojekt mit dem Wandel der US-amerikanischen Internetpolitik „From Cyber-Utopia to CyberwarDarin wird ein Normenwandel von utopistischen und libertären Normen im Umgang mit dem Internet hin zu Normen der Kontrolle, Überwachung und der Entwicklung offensiver Cyberangriffsfähigkeiten beschrieben. Die Arbeit analysiert in einer longitudinalen Prozess-Tracing-Studie die zunehmende Militarisierung des Internets, ausgedrückt durch die Entwicklung und Entstehung des Cyberwar-Konzepts in den Vereinigten Staaten. Ausdruck dieses Normenwandels ist auch die Legitimierung von Überwachungspraktiken verschiedener demokratischer und nicht-demokratischer Regierungen im Zuge der Snowden-Enthüllungen. Zwei jüngere Projekte knüpfen daran und aktuelle Entwicklungen der kritischen Normenforschung an und beleuchten die Praxis von zwischenstaatlicher Spionage. Ein weiteres Projekt am Grenzbereich zwischen Internationalen Beziehungen und Techniksoziologie beschäftigt sich mit der technologischen Seite der NSA-Überwachungsprogramme. Genauere Einblicke erhalten Sie im persönlichen Blog von Matthias Schulze.

Qualitative Methoden

Darüber hinaus befasst sich der Lehrstuhl zunehmend mit qualitativen Methoden im Bereich der Hochschullehre und ist mit Matthias Schulze maßgeblich an der Reform der Methodenausbildung am Institut für Politikwissenschaft beteiligt. Hierzu gehören unter anderem diskursanalytische Zugänge, Fallstudien sowie ethnografische Perspektiven, welche auch von den Doktoranden Carolina Rehrmann und Johannes Gold vertreten werden.