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Hochkarätige Gastredner bei DES-Diskussionsreihe

Seit Beginn des Wintersemesters organisiert das DES-Team in Kiew eine wöchentliche Diskussionsveranstaltung an der Kiewer Mohyla-Akademie zum Thema „Contemporary Politics of Central and Eastern Europe“. Die öffentlichen Vorträge stoßen auf große Resonanz – was neben der englischen Veranstaltungssprache sicherlich auch den prominenten Gastrednern und engagierten Nachwuchswissenschaftlern zu verdanken ist.

Jeden Mittwoch hat ein Wissenschaftler die Möglichkeit, einem breiten Publikum seine Ideen zu präsentieren und anschließend in offener Atmosphäre darüber zu diskutieren. Neben Studierenden und Akademikern der Kiewer Mohyla-Akademie befinden sich immer wieder auch interessierte Fachleute aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft unter den Gästen. Bislang haben fünf Redner vor dem Plenum gesprochen, darunter die zwei Nachwuchswissenschaftler Marek Lenc (Universität Banska Bytrica) aus der Slowakei und Conal Campbell aus Irland.

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Dr. Mykhailo Minakov -  ”Revolutionary Cycles inPost-Soviet Ukraine”, 24.09.2014 (Foto: Johann Zajaczkowski)

Nach der einführenden Begrüßung durch DSG-Tutor Felix Schimansky-Geier, machte Dr. Mykhailo Minakov, derVorsitzender der Kant-Gesellschaft in der Ukraine und Philosophie-Professor an der Kiewer Mohyla-Akademie, den Anfang. In seinem kenntnisreichen Vortrag suchte er nach Gründen für die von ihm postulierte Anfälligkeit der Ukraine gegenüber Revolutionen und wies die Existenz bestimmter Revolutionszyklen für das Land nach. In seiner Lesart steht der Begriff der Revolution für massive Verschiebungen von Institutionen (Regierung, Parlament, Zivilgesellschaft, Familie, Unternehmen) zwischen öffentlicher und privater Sphäre. Dabei unterschied Dr. Minakov zwei grundlegende Revolutionsstrategien: Bei der Moses-Strategie, die nicht zuletzt auf einem klar deduktiven Geschichtsverständnis beruhe, werde das Befreiungsversprechen in die Zukunft verschoben. Demgegenüber gründe die Prometheus-Strategie auf einem libertär-induktiven Grundverständnis, welches Revolutionen weniger als ahistorische Ereignisse denn als Freiräume für die selbstbestimmte Gestaltung der Zukunft fasst.

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Impressionen -  ”Revolutionary Cycles inPost-Soviet Ukraine”, 24.09.2014 (Foto: Johann Zajaczkowski)

Der Redner hält den Euromaidan 2013/2014 für den Beginn eines neuen Revolutionszyklus. Die Prognose des Philosophen zu den Erfolgsaussichten fällt jedoch gemischt aus: Bislang hätte jede Revolution (1991; 2004) in der Ukraine zu überzogenen Erwartungen und einem anschließenden Versuch der autoritären Machtkonsolidierung geführt. Abschließend betonte Dr. Minakov jedoch die Ergebnisoffenheit der Revolution von 2014 und wies auf die Lernfähigkeit der involvierten Akteure hin.

Die darauffolgende Woche stand ebenfalls ganz im Zeichen der “Revolution der Würde”, wie der Euromaidan in der Ukraine genannt wird. Der Gastredner Dr. Mychailo Wynnyckyj gilt als einer der prominentesten Ukraine-Experten weltweit. Seit seiner 2003 erfolgten Re-migration in die Ukraine beschäftigt sich Dr. Wynnyckyj in theoretischer wie praktischer Hinsicht mit dem Bereich zwischen Soziologie und Wirtschaft – als Dozent, Unternehmensberater und weitsichtiger Beobachter der ukrainischen Politik.

Für seinen Vortrag untersuchte er die Rolle von Charisma für den soziopolitischen Wandel in der Ukraine. Obwohl jede Revolution einen charismatischen Führer brauche, gründe die Maidan-Bewegung – und das mache seiner Ansicht nach das Besondere daran aus – auf der expliziten Ablehnung eben solcher Führung. Stattdessen lasse sich eine “Institutionalisierung von Charisma” beobachten. Diese Übertragung trete in historischer Perspektive immer wieder auf: Die Institutionalisierung des Charismas von Jesus Christus durch die römisch-katholische Kirche oder auch von Lenin durch die sozialistische Partei.

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Publikum beim Vortrag von Dr. Minakovs ”Revolutionary Cycles inPost-Soviet Ukraine”, 24.09.2014 (Foto: JohannZajaczkowski)

Mit besonderem Stolz begrüßten die DES-Moderaten am vergangenen Mittwoch die Rednerin: Maria Zolkina ist Absolventin des Master-Studiengangs “Deutschland- und Europastudien”und damit ein gutes Beispiel für das Berufs- und Karrierepotential des Abschlusses.  Sie weilte im Jahr 2013 mit einem DAAD-Stipendium am Institut für Politikwissenschaft und forschte zu Ihrem Promotionsvorhaben in Jena. Gegenwärtig arbeitet sie an der renommierten Ilko-Kutscheriw-Stiftung für Demokratische Initiativen in Kiew und analysiert dort die öffentliche Meinung der Ukrainer gegenüber der EU.

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Frau Mariia Zolkina - “Public Opinion on European integration, yesterday and today” 22.10.2014 (Foto: JohannZajaczkowski)

Auch ihr Vortrag beschäftigte sich mit dem Thema. Die wichtigste Erkenntnis: Insgesamt steige die Anzahl der EU-Befürworter in der Ukraine weiter an und bilde eine absolute Mehrheit. Im Mai 2014 seien es 50,5 Prozent gewesen. Vor allem sei jedoch die Zahl der Befürworter eines NATO-Beitritts seit der Annexion der Krim durch Russland massiv gestiegen.

Die hypothetische Frage nach einem Beitrittsreferendum zu Europäischer Union bzw. Eurasischer Zollunion habe die Mehrheit von 54,6 Prozent der Ukrainer zugunsten der EU beantwortet. Gleichwohl gebe es in dieser Hinsicht noch große regionale Unterschiede, wie die folgende Tabelle aufzeigt:

Landesteil Zustimmung zugunsten der EU
Westukraine 89 Prozent
Zentralukraine 65,3 Prozent
Südukraine 36,9 Prozent
Ostukraine 43,5 Prozent

 Zahlen von Mariia Zolkina, 2014.

Lediglich die kriegsgebeutelte Donbas-Region würde mit einer Mehrheit (59,2 Prozent) für den Beitritt zur Eurasischen Zollunion stimmen.

Darüber hinaus verwies Frau Zolkina auf einen Befund ihres Instituts, wonach sich das “Generation-Gap” geschlossen habe: Mittlerweile seien die EU-Befürworter unter sämtlichen Alterskohorten zwischen 18 und 59 Jahren in der Mehrheit, nur die Menschen über 60 Jahren sprachen sich gegen die EU aus. Gleichzeitig, so die Politikwissenschaftlerin, hänge die öffentliche Meinung gegenüber der EU stark mit dem Verhalten dieser Organisation zusammen. Insgesamt spricht Zolkina der EU jedoch ein positives Zeugnis aus: “Die EU hat alles in ihrer Macht stehende getan und übernimmt im Konflikt mit Russland nun langsam die Position der Ukraine.”

In den kommenden Veranstaltungen geht es unter anderem um die Proteste gegen die Regierung in Bulgarien in 2013/2014 sowie die Arbeit von politischen Stiftungen in Sudostmitteleuropa.
Bericht: Johann Zajaczkowski, Fachlektor Robert-Bosch-Stiftung an der Nat. Universität der Kiewer Mohyla-Akademie

Anfragen oder Themen-Vorschläge für weiteren Vorträge richten Sie bitte an:

Herrn Felix Schimansky-Geier, DSG-Studiengangkoordinator, E-Mail: dsg.naukma(at)gmail(punkt)com

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